Gab es eine Zeit vor dem Patriarchat? - Und warum wir das wissen sollten.
Ein Blogbeitrag von Anik Kina
(Teil 2)
"Die Geschichte ist auch die Geschichte dessen, was verschwiegen wurde."
– Christa Wolf
Zeit vor dem Patriarchat?
Die Vorstellung, dass das Patriarchat eine Art Naturgesetz ist, begleitet uns schon viel zu lange. Doch archäologische und ethnologische Forschungen zeigen ein anderes Bild: Es gab Zeiten – und Kulturen – in denen Frauen Macht hatten. Nicht als Ausnahme, sondern als Teil einer gleichberechtigten Ordnung.
Auf den Spuren von Alteuropa
Die Archäologin Marija Gimbutas nannte sie "Alteuropa" – Kulturen des Neolithikums, lange bevor die ersten Krieger auf Pferden in die Landschaft ritten und Besitz verteidigten. Diese Gesellschaften waren matrilinear organisiert, verehrten Göttinnen, kannten keinen Kriegerkult – und legten den Fokus auf das Leben, nicht auf den Tod.
Frauen waren zentrale Figuren – in Religion, Gemeinschaft und Entscheidungsfindung. Kein Märchen, keine Utopie. Archäologische Funde belegen es.
Beispiele matriarchaler Kulturen
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Minoische Kultur (Kreta, ca. 2700–1100 v. Chr.):
Priesterinnen, Frieden, Kunst. Keine Hinweise auf militärische Hierarchien oder dauerhaften Krieg. Göttinnen dominierten die Bildwelt. -
Irokesen (Nordamerika, vor der Kolonialisierung):
Eine matrilineare Gesellschaft. Frauen bestimmten über Erbe, politische Führer – und konnten diese auch absetzen. -
Mosuo (China, heute noch existierend):
Eine der wenigen heute noch lebenden matriarchalen Kulturen. Frauen treffen die Entscheidungen, Männer übernehmen unterstützende Rollen. Kinder wachsen im Haus der Mutter auf.
Und das sind nur drei Beispiele von vielen. Es würde einen ganzen Blog füllen (und vielleicht tue ich das noch), um aufzuzeigen, wie oft weibliche Macht in der Menschheitsgeschichte existiert hat – und wie oft sie bewusst aus Erzählungen gelöscht wurde.
Was kam danach?
Dann kamen Besitz und Krieg.
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Der Ackerbau führte zu Landbesitz – und Besitzdenken. Wer das Land kontrollierte, wollte auch kontrollieren, wer es erbt.
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Die Kontrolle über die weibliche Sexualität wurde zum Werkzeug.
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Es entstanden monotheistische Religionen, die männliche Götter ins Zentrum rückten und die weiblichen verdrängten.
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Die griechische Philosophie (danke, Aristoteles) erklärte Frauen für "unvollkommene Männer".
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Das römische Recht erklärte Frauen kurzerhand für "unmündig".
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Im Mittelalter wurde jede Frau mit Selbstbewusstsein zur "Hexe" erklärt – und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Fazit: Geschichte umschreiben heißt nicht lügen – sondern erinnern.
Das Patriarchat war nicht immer da. Und es ist auch kein Naturgesetz.
Frauen waren mächtig. Frauen sind mächtig.
Je mehr wir über unsere Vergangenheit wissen, desto bewusster können wir unsere Zukunft gestalten. Wir müssen diese Geschichten zurückholen – nicht um in der Vergangenheit zu leben, sondern um die Zukunft nicht weiterhin auf Lügen aufzubauen.
💡 Patriarchat ist keine Endstation. Es ist ein Kapitel. Und wir schreiben weiter.
📌 Lies hier weiter (Teil 3): https://www
📚 Quellen & weiterführende Literatur
📖 Bücher & Autorinnen:
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Marija Gimbutas – Die Göttin und der Ursprung der Zivilisation
Theorie über matrilineare Gesellschaften im Neolithikum ("Alteuropa") -
Miriam Robbins Dexter – Whence the Goddesses: A Source Book
Vergleichende Forschung zu Göttinnenkulten und weiblicher Symbolik in alten Kulturen
🌍 Wikipedia-Artikel (als Einstieg & Zusammenfassung):
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Alteuropa (Sprachforschung)
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Minoische Kultur
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Irokesen-Konföderation
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Mosuo
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Neolithische Revolution
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Patriarchat
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Aristoteles
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Hexenverfolgung
🌐 Weitere empfehlenswerte Quellen:
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Matriarchatsforschung – matriarchiv.ch
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Zitate von Frauen – frauenkultur-leipzig.de