Frauenmacht ist keine Bedrohung – aber sie wird so behandelt

25.03.2025

Ein Blogbeitrag von Anik Kina

(Teil 3)


Was die Frauen fürchten, ist nicht das Leben, sondern dass es ihnen genommen wird.
Lou Andreas-Salomé

Frauenmacht – und warum sie immer noch für manche gefährlich ist

Frauen hatten Macht – und sie haben sie nicht verloren. Aber sie mussten lernen, sie zu verstecken.
Heute erleben wir die dritte Welle feministischen Aufbruchs – sichtbar, laut, international. Und trotzdem: Jede Frau, die ihre Stimme erhebt, bekommt Gegenwind. Warum ist das so?

Fünf Gründe, warum weibliche Macht bis heute blockiert wird – historisch, politisch, strukturell:

  1. Der Mythos der natürlichen Unterlegenheit
    Schon Aristoteles schrieb, Frauen seien "unvollkommene Männer". Die Kirche griff das auf – Frauen wurden zur Sünde, zur Schwachen, zur Gehorsamen erklärt.
    Bis heute leben diese Ideen in Rollenbildern weiter:
    Frauen gelten als emotional, irrational – während "Macht" mit Logik, Härte und Dominanz assoziiert wird.
    Dabei sind das soziale Konstrukte, keine biologischen Tatsachen. 

  2. Zerbrochene Solidarität – eine Folge des Patriarchats
    In patriarchalen Gesellschaften wurde weibliche Macht nicht nur verdrängt, sondern gezielt aufgespalten:
    Mutterschaft gegen Karriere. Schönheit gegen Klugheit. Jung gegen alt.
    Männer bauten Seilschaften – Frauen wurde Konkurrenz beigebracht.
    Doch genau das beginnt sich heute zu drehen.

  3. Ökonomische Abhängigkeit – das unterschätzte Machtwerkzeug
    Frauen verdienen weltweit im Schnitt 20 % weniger als Männer.
    Sie leisten 75 % der unbezahlten Pflegearbeit.
    Sie besitzen nur 1 % des Weltvermögens.
    Wer wirtschaftlich abhängig ist, bleibt erpressbar – ob im Kleinen oder im Systemischen.

  4. Kulturelle Anpassung als Erziehung
    Ob in Schulbüchern, Serien oder Werbung: Mädchen lernen früh, zu gefallen.
    Sie werden dafür belohnt, "lieb" zu sein – nicht für Mut oder Widerspruch.
    Mädchen mit Meinung gelten als zickig. Jungen mit Meinung als führungsstark.
    Das ist keine Natur – das ist Kultur.

  5. Politische Machtverteilung – nach wie vor männlich dominiert
    Weltweit liegt der Anteil weiblicher Abgeordneter bei rund 26 Prozent. Doch dieser Durchschnitt ist trügerisch: Ein erheblicher Teil dieser Quote entfällt auf Länder wie Island, Norwegen, Schweden oder Finnland, in denen Gleichstellung politisch gewollt und strukturell gestützt wird.
    In vielen anderen Ländern liegt der Frauenanteil in Parlamenten deutlich unter 10 Prozent – oft sogar bei unter 5 Prozent.
    Laut einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen und der Interparlamentarischen Union werden derzeit 25 von 195 Ländern von einer Frau regiert – das entspricht gerade einmal knapp 13 Prozent. In dieser Zahl sind sowohl Regierungschefinnen als auch weibliche Staatsoberhäupter enthalten. Viele der bekannten Vorreiterinnen, etwa Sanna Marin (Finnland), Kaja Kallas (Estland) oder Katrín Jakobsdóttir (Island), haben ihre Ämter mittlerweile niedergelegt. In Island jedoch bleibt die Macht weiblich: Seit Dezember 2024 führt Kristrún Frostadóttir das Land. 
    Diese Ausnahmen bestätigen die Regel: Politische Entscheidungsmacht ist nach wie vor mehrheitlich männlich besetzt – auch bei Gesetzen, die den Alltag von Frauen direkt betreffen.

    Beispiel: In vielen Ländern sitzen fast ausschließlich Männer in Gremien, die über Gesetze zu Mutterschutz, Abtreibung oder häuslicher Gewalt entscheiden. Ein strukturelles Problem. 

Wie schnell sich Macht und Frauenrechte verändern können

Iran:
Vor der Islamischen Revolution 1979 trugen Frauen Jeans, gingen zur Uni, reisten allein.

Heute riskieren sie Folter und Tod, wenn sie ihr Haar zeigen oder protestieren.
Das zeigt: Freiheit ist nie garantiert.

Afghanistan:
Nach 2001 gab es Frauenministerien, Schulen für Mädchen, Ärztinnen.
Seit der Rückkehr der Taliban 2021 ist alles weg – und Frauen wieder aus der Öffentlichkeit verbannt.

Polen:
Vom liberalen Abtreibungsrecht zu einem der härtesten Verbote Europas.
Heute sterben Frauen, weil Ärzt:innen aus Angst vor Strafe Behandlungen verweigern.

USA:
2022 kippte der Supreme Court Roe v. Wade.
Innerhalb von Monaten verboten mehrere Bundesstaaten Abtreibungen komplett – selbst nach Vergewaltigung.

✊ Fazit: Frauenrechte sind nicht sicher – sie sind umkämpft
Feminismus ist nicht "durch" – er ist nötiger denn je.
Wir leben nicht im Rückblick, sondern im Widerstand gegen Rückschritte.

Unsere Stimme zählt. Unsere Erinnerung auch.

Denn:
Was wir kennen, schützen wir.
Was wir vergessen, verschwindet. 

Frauen waren mächtig.
Frauen sind mächtig.
Und sie werden es wieder sein – wenn wir uns erinnern, handeln und nicht mehr schweigen.

– Anik Kina


📚 Quellenverzeichnis – Teil 3: "Frauenmacht ist keine Bedrohung – aber sie wird so behandelt"

1. Statistik: Frauen in der Politik weltweit

  • Interparlamentarische Union (IPU) – Women in national parliaments:
    https://data.ipu.org/women-ranking

2. Rolle Skandinaviens in Gleichstellungspolitik

  • World Economic Forum – Global Gender Gap Report:
    https://www.weforum.org/reports/global-gender-gap-report-2023

3. Historischer Kontext: Aristoteles' Frauenbild

  • Aristoteles, "Politik", Buch I – Deutsche Übersetzung (z. B. Reclam)

  • Überblick: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/antike/324112/aristoteles/

4. Lohnungleichheit und Care-Arbeit

  • UN Women – Facts and figures: Economic empowerment:
    https://www.unwomen.org/en/what-we-do/economic-empowerment/facts-and-figures

5. Iran – Entwicklung der Frauenrechte vor und nach 1979

  • BBC – Timeline: Women's rights in Iran:
    https://www.bbc.com/news/world-middle-east-42082202

  • Amnesty International – Iran: Women's rights:
    https://www.amnesty.org/en/location/middle-east-and-north-africa/iran/report-iran/

6. Afghanistan – Frauenrechte vor und nach der Taliban-Herrschaft

  • Human Rights Watch – Afghanistan: Taliban policies targeting women:
    https://www.hrw.org/news/2022/08/11/afghanistan-taliban-policies-targeting-women

  • UN Women Afghanistan Country Briefs:
    https://afghanistan.unwomen.org/en

7. Polen – Abtreibungsrecht und seine Entwicklung

  • Deutsche Welle – Abtreibung in Polen: Das härteste Gesetz Europas:
    https://www.dw.com/de/abtreibung-in-polen-das-h%C3%A4rteste-gesetz-europas/a-56384322

  • Human Rights Watch – Poland: Abortion restrictions harm women:
    https://www.hrw.org/news/2021/01/26/poland-abortion-ruling-harms-women

8. USA – Roe v. Wade und die Rücknahme 2022

  • NPR – What the end of Roe v. Wade means:
    https://www.npr.org/2022/06/24/1102305878/supreme-court-abortion-roe-wade-decision

  • Guttmacher Institute – Abortion in the United States:
    https://www.guttmacher.org/united-states/abortion